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ein langer tag liegt hinter mir. heiß und staubig bin ich von massada, nass und salzig vom toten meer.
ich trinke und trinke eindrücke ohne zeit zu haben, innezuhalten und sie in ihrer fülle auch nur ansatzweise zu verdauen. Immer wieder nischen zu finden, in denen ich für mich sein kann - allein mit meinem bis zur unerträglichkeit gespannten erfahrungsschatz, bis aufs äußerste überreizt von dem gebotenen, ist voraussetzung dafür, auch nur annähernd bei verstand zu bleiben.
das haar ist noch nass vom wasser, das salz glitzert in der abendsonne auf der haut – so gehe ich jerusalem entgegen. stille umarmt mich. Die stille der wüste, die stille der sinkenden sonne. die stille die bleibt, wenn der tag langsam geht. ich lebe auf. ich komme wieder an bei mir und bin bereit für neue begegnung.
und schon finde ich mich einem israeli gegenüber. avi, ein dunkelhaariger militärerfahrener mann, bleibt stehen und bietet mir an, mich nach jerusalem mitzunehmen. am weg durch die wüste, vorbei an beduinensiedlungen beschreibt er mir die situation seines landes in klaren worten . da schwingt kein zynismus mit, da werden nicht alle über einen kamm geschert und verurteilt, da ist platz für die unterschiedlichkeit, die überall da ist, wo viele menschen, mit ihren geschichten versuchen, heimat zu finden. gerne lausche ich den worten dieses mannes, der es ganz klar sagt: “die araber hassen uns und wir hassen die araber. darum bauen wir eine mauer. damit jeder für sich leben kann. auf seine art, denn wir unterscheiden uns in vielem. aber wir hoffen, dass wir uns einmal verstehn, dass wir einmal miteinander können, so wie jetzt die deutschen mit den franzosen. das war ja auch nicht immer so…vielleicht in 50 jahren.“ er lässt den blick schweifen über die weite des landes, die so unvermittelt von einer unmenschlich hohen mauer, von einem grausam trennenden rasierklingenzaun begrenzt wird. im licht der abendsonne versucht gerade ein alter mann über den tödlich scharfen zaun zu klettern, handelt sich höher und höher. keiner schenkt ihm und seinem kleinen kampf, der nur bei genauem hinsehen die unbegreifbare tragweite solcher unfreiheit widerspiegelt, beachtung. israelische autos brausen auf der großen straße vorbei – klimatisiert und mit automatischen fensterhebern…..
„auf dieser seite ist es ein zaun, auf der anderen eine mauer“ sagt avi, der privatfahrer der zwei krebsforscher neben mir seufzend, “mir tun diese leute wirklich leid, sie müssen sehr darunter leiden. wegen ein paar verrückter leute leiden nun alle. die meisten können nichts dafür. das tut mir weh.“
er drückt mir ein cola in die hand und setzt mich auf dem mount scopus aus.
die sonne senkt sich langsam hinter den letzten häusern, die von jerusalem, al quds, der heiligen stadt, am horizont noch auszunehmen sind. was hat sie, von aller heiligkeit, wenn sie zerrissen wird, menschen versuchen ihre erde ihr eigen zu machen. häuser, grund und boden wechseln seit jahrhunderten ihre besitzer. tränen, blut und schweiß versickern in ihrem boden ....... aber es gibt menschen , die einer veränderung der situation nicht alle chancen absprechen, es gibt menschen wie avi, die trotz ihrer eigenen meinung platz lassen für den standpunkt anderer, es gibt menschen, die auch in den anderen die menschen sehen.
es gibt menschen.
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